1000 Tage Kanada (2/2)

Am 17. Juni 2021 wird es genau 1000 her gewesen sein, dass ich von Deutschland nach Kanada ausgewandert bin. Und dann sind es nur drei weitere Monate, bis ich mich zumindest theoretisch für die kanadische Staatsbürgerschaft bewerben könnte; es wird also Zeit, einen ersten kleinen Rückblick, oder vielmehr eine Übersicht zu geben darüber was im kanadischen Alltag anders abläuft als im deutschen.

In diesem zweiten Teil (den ersten gibt eshier) geht es um:

Lebenskosten

Öffentliche Einrichtungen und Events

Gesundheit und Essen

Wie man sein Wohnzimmer beheizt

*Disclaimer: Ich schreibe aus der Ottawa-Perspektive; Menschen an der Küste oder im mittleren Westen oder im hohen Norden haben sicherlich ganz andere Ansichten.


Lebenskosten

Bevor die Entscheidung getroffen war, tatsächlich nach Kanada auszuwandern, hatte ich mich schon einige Zeit auf unterschiedlichen Websites mit unterschiedlichen Lebenskostenrechnern auseinandergesetzt. Ziemlich praktisch: man gibt seinen momentanen und zukünftigen Wohnort ein und bekommt die zu erwartenden Lebenskosten in alle möglichen Kategorien aufgeschlüsselt angezeigt – wie z.B. Mietkosten, Lebensmittel, Nahverkehr, Kleidung, Unterhaltung, und so weiter. Vergleicht man Ottawa mit beispielsweise Berlin, dann ist das Leben in Kanada etwa 9% teurer als in Deutschland.

Essen ist teuer

Sicherlich kommt alles sehr auf die individuellen Gewohnheiten an (wer kein Auto braucht, kann auch nicht von den niedrigen Benzinpreisen profitieren). Den größten Anteil der deutlichen höheren Lebenskosten hier machen jedoch die Ausgaben für Lebensmittel aus. Essen ist einfach überall deutlich teurer. Wir geben locker doppelt so viel Geld für Nahrung aus wie in Deutschland; insbesondere, seit meine ganzen kostenlosen Mahlzeiten am Arbeitsplatz pandemiebedingt ausgefallen sind.

Was ist mit der Miete?

Mieten und Kaufpreise für Wohnimmobilien sind in Ottawa sehr hoch, aber wohl vergleichbar mit denen in großen deutschen Städten. Kanadische Städte erstrecken sich allerdings über größere Flächen und es wohnen generell mehr Menschen in Häusern als in Wohnungen. Innenstadtpreise sind extrem hoch. Und wie in jeder Stadt gibt es auch hier natürlich große Preisunterschiede zwischen unterschiedlichen Stadtteilen.

Verschiedenes Teures

Es gibt in Kanada nur eine Handvoll Telekommunikationsanbieter und der Markt wird nicht reguliert. Mit dem Ergebnis, dass Kanada eines der weltweit teuersten Länder ist bezüglich Internet- und Telefonkosten.Immerhin wird man nicht in unkündbare Zweijahresverträge gezwungen und kann stattdessen monatlich den Anbieter wechseln wenn man möchte, aber Geldersparnis wird das dennoch keine bringen aufgrund fehlenden Wettbewerbs und Regulation. Meine 1-Gigabit-Verbindung zu Hause (inkl. Festnetzanschluss) kostet über 76 Euro jeden Monat – und wird dann auch noch alle paar Monate teurer. In der Grafik unten wird Kanada als das fünftteuerste Land in diesem Bereich gelistet (Quelle).

Ein weiterer Finanzposten den ich anfänglich kaum fassen konnte: KFZ-Versicherung. Für meinen acht Jahre alten VW Golf, den ich kaum benutze (vielleicht so 5000km pro Jahr), bezahle ich 110 Euro jeden Monat an die Versicherung; und dabei habe ich noch eine richtig günstige gefunden. Die ersten Angebote lagen doppelt so hoch.

Verschiedenes Günstiges

Generell sind Energiekosten Energiekosten überraschend niedrig in Kanada. Kubikliter Wasser, Kilowattstunden elektrischer Strom oder Erdgas – kostet alles nicht mal die Hälfte, teilweise nichtmal ein Drittel von dem, was in Deutschland berechnet wird. Allerdings: die Service- und Bereitstellungsgebühren der Energieversorger sind extrem hoch. Ironischerweise werden die Energierechnungen also relativ gesehen günstiger, je mehr Energie man verbraucht.

Einkaufen: Steuern und Währungen

Das mit der Steuer beim Einkaufen bekomme ich nach wie vor nicht so richtig in meinen Kopf. Preise werden (meistens) ohne Mehrwertsteuer angegeben. Um also vor dem Bezahlen zu wissen, was man bezahlen wird, muss man die 13% also selbst gedanklich draufschlagen; je nach dem, was man kauft. Für Grundnahrungsmittel z.B. wird keine Steuer fällig. Snacks kosten 13%. Auf manche zubereiteten Lebensmittel werden 5% berechnet, falls sie für weniger als 4 Dollar verkauft werden. Zusammengefasst weiß man also nie was es kosten wird, bevor man bezahlen muss.

Beim Online-Shopping kann das dann noch komplizierter werden. Keine Ahnung wieviel Zeit ich bereits damit zugebracht habe herauszufinden, ob die Preise nun in kanadischen oder U.S. Dollars angegeben werden.


Öffentliche Einrichtungen und Events

Die Community Center

Die Gemeindezentren in Ottawa sind sehr willkommene Einrichtungen. Jeder größere Stadtteil hat sein eigenes, und manche sind fantastisch ausgestattet: neben Angeboten für Familien und Kinder (Musikunterricht, Kunstlehrgänge) bieten sie gewöhnlicherweise auch eine Bibliothek, Fitnessstudio, Schwimmbad, und einige sogar Indoor-Eisbahnen. Eine Mitgliedschaft ist sehr erschwinglich und man kann sämtliche Einrichtungen der Stadt benutzen. 2019 habe ich unzählige Stunden im lokalen Gemeindezentrum meines Stadtteils verbracht und nichteinmal ein Drittel dessen dafür bezahlt, was ich für ein vergleichbares Angebot in Deutschland hätte hinlegen müssen. Die Bibliothek kostet generell gar nichts, und man kann nicht nur Bücher und Musik ausleihen, sondern auch Musikinstrumente oder Eintrittskarten für Ottawas Museen!

Die Stadt der Festivals

In dieser Stadt wird einem viel geboten an Veranstaltungen und Festivals – sowohl im Winter als auch im Sommer! Während im vergangenen Jahr natürlich nichts von alldem stattfand, hatten wir glücklicherweise 2019 genug Gelegenheit die zahlreichen Outdoor-Events mitzuerleben. Das Winterlude-Festival im Februar mit seinen mehrwöchigen Festivitäten, die Parade zum St.-Patricks-Day, das Tulpenfest zu Frühlingsbeginn, gefolgt vom großen Ottawa-Marathon-Wochenende. Der Sommer ist voll von Veranstaltungen – der Nationalfeiertag, das Jazz Festival, Latin Festival, Blues Fest, Indigenous Festival, Rib Fest, International Fireworks Festival, und so weiter und so fort.

Kostenloses Wasser

Überall in der Stadt findet man Wasserspender – in öffentlichen Einrichtungen, in Parks oder entlang von Lauf- oder Radwegen, in den Gemeindezentren. Auf Festivals braucht man nur seine leere Flasche mitbringen und kann sie an Wasserstationen an jeder Ecke kostenlos auffüllen lassen – während man in Deutschland oft nichtmal seinen eigenen Wasservorrat zu einer Veranstaltung mitbringen darf.

Die Wasserentsorgung ist ebenso problemlos – eine öffentliche (und ebenfalls kostenlose) Toilette ist nie weit entfernt.


Gesundheit und Essen

Gesund bleiben

Das kanadische Gesundheitssystem zählt zwar zu den qualitativ hochwertigen, es ist aber nicht uneingeschränkt für jeden zugänglich. Im Vergleich zu den USA haben es die Kanadier zwar um einiges besser in Bezug darauf, was von der allgemeinen (und kostenlosen) Krankenversicherung geleistet wird. Diese wird von den jeweiligen Provinzen getragen, und hier in Ontario bin ich von OHIP abgedeckt (Ontario Health Insurance Plan), welche die Grundversorgung übernimmt. Ich kann zum Hausarzt oder in eine der so genannten Walk-in-clinics (sowas wie Gemeinschaftspraxen ohne Anmeldung) ohne hohe Rechnungen fürchten zu müssen. Das gleiche gilt für notwendige Krankenhausaufenthalte und -behandlungen, oder Notfalleinsätze. Das war’s dann aber auch schon; für alles Zusätzliche muss man selbst zahlen oder braucht eine entsprechende zusätzliche Versicherung. Ist man vollzeitangestellt, übernimmt in den meisten Fällen der Arbeitgeber diese zusätzliche Absicherung (wobei der Umfang wiederum sehr unterschiedlich sein kann), insbesondere hinsichtlich Zahn- und Augenmedizin.

Wartezeiten sind generell sehr lang und zu einem Spezialisten kommt man unabhängig von seinem Anliegen nur, wenn man vorher beim Allgemeinmediziner war (und auch nur, wenn dieser der Meinung ist, zu einem Spezialisten zu überweisen).

Was gibt’s zum Mittag?

Im Allgemeinen gibt es keine allzu großen Unterschiede hinsichtlich der Ernährung zwischen Kanada und Deutschland. Der Teufel steckt allerdings im Detail. Ich habe weiter oben schon erwähnt, dass Lebensmittel hier um einiges teurer sind. Möchte man sich dann auch noch möglichst gesund ernähren, muss man entsprechend auch noch mehr investieren; in den meisten Lebensmitteln steckt Zucker, viel Fett, oder Salz, und oftmals wird alles nur in sehr großen Verpackungen verkauft. Der sicherlich Beste Weg gesunder Ernährung ist für uns die Umstellung auf frische Bio-Lebensmittel, die wir oft auf Wochenmärkten oder kleineren lokalen Händlern kaufen.

Neue Lebensmittel auf dem Speiseplan: Ahornsirup, frische Donuts, Erdnussbutter.

Lebensmittel, die ich vermisse: Deutsche Backwaren und deutsche Schokolade.


Wie man sein Wohnzimmer beheizt

Die Qualität im Baugewerbe ist einen eigenen Artikel wert, aber im letzten Abschnitt möchte ich mich noch bisschen über die Wärmeregulierung in Häusern oder Wohnungen aufregen. Zwei Jahre lang konnte ich mir nun eine Meinung bilden und versuchen, das System nachzuvollziehen… aber selbst meine kanadischen Freunde können das nicht. Die meisten, insbesondere die neuen Häuser in Ontario werden mit einer Gasheizung betrieben, die Luft erwärmt anstatt von Wasser. Die heiße Luft wird dann über ein System überall im Haus verteilt. Ein großer Vorteil: Räume wärmen sich viel schneller auf als durch die Strahlungswärme von wasserbetriebenen Heizkörpern. Ein größerer Nachteil: Man kann die Temperatur in einzelnen Räumen so gut wie gar nicht individuell regeln. Wohnt man in einem sehr offenen, großen Haus, mit Treppen zu mehreren Geschossen aber hat nur ein zentrales Thermostat, dann wird’s schwierig – egal was man versucht, man bekommt nie die Temperatur, die man gern hätte. In unserem ersten Haus, nagelneu, hat unser Vermieter den mehr oder weniger hilfreichen Tipp gegeben, doch einfach den Luftfluss zu regulieren, indem wir alte T-Shirts oder Handtücher strategisch in die Luftkanäle stopfen, um zu viel warme Luft in den entsprechenden Räumen zu vermeiden. Bei diesem Tipp belasse ich es einfach mal… 😉


Das war’s noch nicht

Es gibt noch so viele kleine und größere Dinge, die einzigartig sind hier in Kanada; von interessanten Verhaltensweisen wie den Automotor ewig laufen zu lassen, oder lieber in langen Autoschlangen bei Tim Horton’s anzustehen anstatt sich seinen morgendlichen Kaffee viel schneller an der Theke abzuholen; die Tatsache, dass die meisten Gebäude fast ausschließlich aus Holz gebaut werden, aber nicht vernünftig isoliert; Computeranrufe; Beavertails; das Nationalgericht Putine; Skifahrtraining im Sommer und Rad fahren im Winter; und so weiter. Genug also, um nach den nächsten 1000 Tagen einen weiteren Beitrag zu schreiben.


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1 Comments

  1. He Ludwig,

    hoffe es geht dir gut! Bin eben durch Zufall/ Durchstöbern alter emails auf deine Farewell Email und diese Website gestoßen! Nice read! Sehr interessant und amüsant deine Beobachtungen.
    So viel hat sich anscheinend (außer dass es jetzt megateures Internet gibt) gar nicht geändert seit ich 1987 meine ersten Eindrücke sammeln durfte, damals 4 Monate in Mississauga. Die Furnaces…lol!
    Auch damals hatten wir uns immer auf Farmers Markets versorgt, nur diese hatte ich nicht in so teurer Erinnerung.
    Aber scheint euch Spaß zu machen da drüben. Bleibt ihr oder plant ihr eines Tages zurück zu kommen?

    Weiterhin alles Gute und viele Grüße aus dem schon wieder unangenehm schwülen RheinNeckarDelta.
    Cheerz m.

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