Sommer in Ottawa

Kanada ist schon ein eigenartiges Land. Nachdem ich letztes Jahr Ende Oktober den ersten Schnee erleben durfte und es dann sechs Monate lang fast ohne Unterbrechung weiß blieb (inklusive nochmal 20cm Neuschnee Mitte März), kann man sich jetzt, Anfang August, nichts von alledem mehr vorstellen. Zwar hat es lang gedauert, bis sich der Sommer andeutete – erst Ende Mai wurde es wirklich warm – dann aber auch seitdem wieder fast ohne Unterbrechung gutes Wetter; beständig um die 25 Grad oder wärmer, viel Sonne. Einen Frühling, wie man ihn aus Deutschland kennt, sucht man hier vergebens.

Im Sommer zeigt sich Ottawa dann aber auch von seiner schönsten Seite. Auch in der kalten Jahreszeit wurden die Umstände ja eher zelebriert als verteufelt (Eislaufen auf dem Kanal, Winterlude-Festivaletc.), aber jetzt im Sommer wird so richtig aufgedreht: Jedes Wochenende gibt es Festivals, Paraden, Feiern, Konzerte. Das meiste davon kostet nichtmal Eintritt. Und wenn man doch mal nicht weiß wohin, bleiben immer noch zahlreiche Strände an den Flüssen der Stadt.

Tulpen statt Schnee

Die St.-Patricks-Day-Parade Mitte März haben wir noch im Schnee erlebt, aber nur zwei Monate später begann der Sommer mit dem Tulpen-Festival – kaum wurden die Temperaturen zweistellig, waren plötzlich überall Tulpen zu sehen; das Tulpenfest ist angeblich weltweit das größte seiner Art, und jährlich sind über eine Million Tulpen zu bewundern, und hunderttausende Besucher genießen die warmen Sonnenstrahlen. Das Fest hat seine Wurzeln im Zweiten Weltkrieg, als die niederländische Königsfamilie als Dank für das Asyl der zukünftigen Königin Juliana 100.000 Tulpenknospen nach Kanada schickte.

Mai 2019: Nur ein kleiner Teil von mehr als einer Millionen Tulpen auf dem Ottawa Tulip Festival

Flohmarkt auf nordamerikanisch

Nur eine Woche später, und damit auch einen Tag vor dem großen Ottawa Race Weekend, inklusive Marathon-Lauf, fand im Stadtteil Glebe der wohl größte Garage Sale der Gegend statt. Ähnlich eines Flohmarktes in Deutschland, nur eben verteilt auf einen kompletten Stadtteil, verkauften die Anwohner ihren Krempel und tausende Menschen sorgten für Volksfeststimmung.

Mai 2019: Garagenverkauf im Stadtteil Glebe

Wochenenden voller Feste

Es folgten Wochenenden voller Aktivitäten – teilweise war viel uns die Entscheidung schwer, welches Fest oder Parade wir besuchen sollten, an manchen Tagen fanden drei oder gar vier große Veranstaltungen gleichzeitig statt. Christina nahm als Tänzerin beim Caribbean Carnival, eine karibische Parade quer durch die Stadt. Wir besuchten zahlreiche Konzerte auf dem Ottawa Jazz Festival, verbrachten einen Tag unter tausenden von Zuschauern auf dem Blues Fest(unter anderem mit „The Killers“), tanzten Salsa auf dem Latin Sparks Festival, und bestaunten Lichtkünstler auf dem Glowfair Festival. Bloß gut, dass Christina nicht arbeiten muss – so kann sie die Zeit nutzen für die Wochenendplanung.

Juli 2019: Das Keltenfest in Almonte

Mitunter verschlug es uns auch auf eher skurrile Festivitäten; eine Woche lang konnte man in der Sparks Street preisgekrönte Rippchen und andere Teile toter Schweine essen – das Ottawa Ribfest forderte die Bevölkerung heraus, Fleischgeschmack unter viel zu viel BBQ-Soße zu erkennen. Bestimmt 30 verschiedene und doch gleiche, riesengroße Foodtrucks grillten was das Zeug hält, und stellten dabei ihre unzähligen Pokale zur Schau. Wahrlich skurril.

Juni 2019: Ottawa Ribfest

Die First Nations und der Patriotismus

Zeitgleich mit dem Drachenbootfestival (das größte seiner Art in Nordamerika, mit über 200 teilnehmenden Teams!) fand auch das diesjährige Summer Solstice Indigenous Festivalstatt, welches zu Ehren der indigenen Bevölkerung Kanadas (die so genannten First Nations) gefeiert wird. Extrem faszinierend! Nachfahren der nordamerikanischen Ureinwohner führten während des großen Pow Wows den ganzen Tag lang traditionelle Tänze zu traditioneller Musik auf. Insbesondere die Tatsache, dass Menschen in meinem Alter und jünger mit Leidenschaft die Musik ihrer Vorfahren in die Gegenwart holen, hat mich sehr beeindruckt.

Video: Live-Performance traditioneller Musik auf dem Summer Solstice Festival

Etwas gegensätzlich dazu verhält sich der ebenfalls ständig präsente Patriotismus der Kanadier. Nicht nur, dass die Nationalhymne bei allen möglichen Anlässen ertönt, sondern auch das Militär und die berittene Militärpolizei werden stolz präsentiert. Immer wieder finden große Paraden statt, zeremonielle Schichtwechsel, Fahnen-Zeremonien. Alles gipfelt schließlich im Nationalfeiertag, den Canada Dayam ersten Juli, an welchem die komplette Hauptstadt in Rot/Weiß gehüllt sich selbst feiert. Und nachdem wir zu Silvester ja massiv enttäuscht wurden vom Feuerwerk über dem Parlament, so hat es das Spektakel am Canada Day locker wieder wett gemacht – so ein großes und spektakuläres Feuerwerk hab‘ ich noch nie erlebt!

Und außerhalb der Stadtgrenzen?

Der Sommer in der Stadt hat so viel zu bieten und ist so gut zu Fuß oder per Fahrrad zu erkunden, dass wir uns tatsächlich noch gar nicht allzu oft außerhalb ihrer Grenzen aufgehalten haben – und das, obwohl wir jetzt mehr oder weniger stolze Besitzer eines Autos sind (mal sehen, wie lange… selbst für einen VW sind 260.000km eine ganze Menge). Für mein Radtraining treibt es mich regelmäßig in den Gatineau Park, nördlich von Ottawa. Ein Radler-Paradies, gut erhaltene Straßen und Sonntagmorgens komplett autofrei. Und an die überall aufgestellten Bärenwarnungen gewöhnt man sich recht schnell. Gesehen habe ich noch keinen.

Juni 2019, Gatineau Park: Vorsicht vor dem Bär!

Ansonsten ist das Tierleben hier durchaus interessant; am wenigsten gerechnet hätte ich hier mit Schildkröten. Scheinbar überwintern diese monatelang im Wasser unter dickem Eis, und kommen im Frühling wieder ans Tageslicht – die ein oder andere findet man in der Nähe der Flüsse. Die unzähligen Eichhörnchen und Streifenhörnchen sind natürlich Alltag (und wenn man nicht aufpasst, sitzen sie in der Küche auf dem Tisch und stehlen einem die Erdnüsse!), Waschbären klettern unseren Balkon hoch, geweckt werden wir täglich vom Kardinalvogel.

Der Sommer ist also in vollem Gange und dauert hoffentlich noch eine Weile an. Das absolute Kontrastprogram zu den weißen Monaten und dementsprechend besonders zu genießen. Noch so viele Dinge stehen aus: wandern im Gatineau Park; Campen; Kayak fahren. Dabei haben wir auch schon einiges geplant, für die kommenden Monate: bald geht es in die Berge nach Mont-Tremblant, wo ich meinen ersten Langdistanz-Triathlon bestreiten werde. Im Herbst fliegen wir für ein paar Tage an die Ostküste nach New York City. Und dann im Dezember nach Neuseeland, Freunde besuchen, um auf dem Rückweg den Jahreswechsel in Los Angeles an der Westküste zu verbringen. So viel, wie wir seit der Auswanderung nach Kanada erleben, erlebten wir in den letzten drei Jahren in Mannheim wohl nicht…

Weitere Eindrücke von Ottawas Sommer gibt's in der Galerie: Sommer in Ottawa.

Video: Das Tierleben in Ottawa und Umgebung

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